Der staatlich geprüfte jugendliche Randalierer

Am 12.02. und am 13.02. 2008 fanden in Berlin die Lichtenberger Ausbildungstage statt, eine Jugendberufsmesse, die seit 2005 in Kooperation des JobCenter Berlin-Lichtenberg, der Agentur für Arbeit Berlin-Mitte und des Bezirksamtes Lichtenberg durchgeführt wird. Gastrednerin war u.a. auch die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Lichtenberg, Frau Emmrich.

 

Auch das Jugendtheater L O S wurde um einen Auftritt gebeten. Ein Überraschungsauftritt war erwünscht und es wurde zu einer Überraschung - für alle Beteiligten.

 

Das Thema des Theaterauftritts waren "gewalttätige jugendliche Arbeitsverweigerer", bezugnehmend auf die damaligen Wahlen in Hessen, bei denen die Sicherheitspolitik - wie für solche Anlässe üblich - wieder einmal ganz großes Thema war. Die Theatergruppe postierte sich direkt am Eingang der Halle, um alle Besucher direkt ansprechen zu können, mit folgender Szenerie: Von schwarz gekleideten "Sicherheitsbeauftragten" umzingelt, stand ein Jugendlicher in der Mitte der Gruppe. Er trug ein Schild auf Brust und Rücken mit der Aufschrift: "staatlich geprüfter jugendlicher Randalierer". Der private Sicherheitsdienst, der durch schwarze Kutten und weiße Masken theatral und gleichzeitig bedrohlich wirkte, war ebenfalls mit einem Schild auf dem Rücken verziert, durch dessen Gestaltung die satirische Aktion betont wurde. Die Hüter der Sicherheit zeigten mit langen Stöcken, an denen große gezeichnete Hände mit ausgestreckten Zeigefingern befestigt waren, auf den "jugendlichen Randalierer" in ihrer Mitte, der stumm und unbeweglich standhielt. Auf den Händen waren Aufschriften zu lesen wie: "Versager", "asozial", "Du bist Deutschland", "Auf dich kommt es an", "Schmarotzer", etc.

 

In ihrer Funktion als Theaterleitung, ganz ohne Kostümierung, sprach Ingrid Marschang jeden Besucher der Messe freundlich an, der die Gruppe passierte und bat um Mithilfe, den Gewalttäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren mit der Kraft der Poesie, nämlich durch Vorlesen eines dieser Gedichte, welche auf Karten offeriert wurden. Diese Passanten, die den Mut hatten, mitzuspielen, wurden mit Applaus und Süßigkeiten belohnt. 

 

Es dauerte jedoch keine 10 Minuten, da wurde die Vorstellung zur Überraschung der Gruppe um weitere, nicht eingeplante, Akteure bereichert, nämlich um ein Sondereinsatzkommando der Polizei. Die Beamten drangen gepanzert und bewaffnet im Laufschritt in den Saal ein, um die Akteure zu verhaften. Gerufen wurden sie vom Gastgeber selbst, der schwere Geschütze zu Hilfe rief, um die Gefahr, die vom Theatereinsatz ausging, zu bannen.

 

Das Einsatzkommando war schnell und unkompliziert über die Situation aufgeklärt und der Leiter des Trupps nahm die Gelegenheit war, ein Gedicht vor zu lesen, was ihm so gut gelang, dass die Gruppe ihn als Ehrenmitglied aufnahm. Mit Applaus und einem Gedicht bereichert, zog das Einsatzkommando wieder ab. Die Initiatoren des Ernstfalles aber waren untröstlich über den komischen Verlauf des selbst herbeigeführten Polizeieinsatzes. Die Fallhöhe des Witzes war perfekt - leider konnte der Gastgeber sich nicht daran erfreuen.

 

Als Beigabe zur Vorstellung verteilte die Theatergruppe einen Text, der von der Leitung verfasst wurde und die Besucher der Messe über die Gefahren von Gewalt in ihrer Stadt aufklärte.

Ingrid Marschang 2012-10-18.pdf
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