Ausstellung im Nietzsche-Haus in Sils-Maria

(Sommer- und Wintersaison 2001/2)

P A R A D O X E  H E I T E R K E I T

 

Gegenwartskünstler setzen sich mit der skurrilen Leichtfüßigkeit von Nietzsches Humor auseinander.

 

Mitwirkende Künstler: Paul Flora, Marion Gülzow, Paul Gugelmann, Hans Küchler, Joachim Jung, Ingrid Marschang, Friedrich Nietzsche, Werner Nydegger, Martin Schwarz, René Staub/Harry Walter (ABR) sowie Alfons Wyss

 

Konzept und Texte: Prof. Dr. Peter André Bloch

 

In den vielen Ausstellungen und Kommentaren anläßlich seines hundertsten Todestages kam vor allem der ernste, pathetische, visionäre Nietzsche zur Darstellung, „der Philosoph der kommenden Jahrtausende", wie er sich selbst genannt hat. Viele sehen in Nietzsche nur den Kritiker und tragischen Analytiker und übersehen seine zahlreichen humoristisch-ironischen Zwischentöne. Die Ausstellung in der Schweiz versucht, Nietzsches heitere, humorvolle Seite hervorzuheben, die aufgrund seines Schicksals für den Betrachter kaum je in Erscheinung tritt. Neben den vielen zeitgenössischen Darstellungen und Parodien soll auch versucht werden, auf Nietzsches Vorliebe für Verkehrungen und Paradoxien sowie auf seine selbstironisch-parodistische Darstellungskunst hinzuweisen.

 

Gemeinsam arbeiten Joachim Jung (seit 1991 Kustos im Nietzsche-Haus in Sils-Maria) und Ingrid Marschang an einem Buchprojekt zu Nietzsches Essverhalten. In der Ausstellung bekommt man in dieses Projekt einen Einblick durch eine „Textinszenierung" mit dem Arbeitstitel:


Nietzsches Wurst oder Vom ewigen Verzehr des Gleichen

 

Querschnitt durch Nietzsches Wurstkorrespondenz,
bebildert von Ingrid Marschang.

 

Die Bühne ist eröffnet. Ingrid Marschang und Joachim Jung wollen Nietzsches Denk- und Ausdrucksformen nicht ins Intellektuelle, Wissenschaftlich-Philosophische verfremden, sondern im Theatralischen vergegenwärtigen. Der Denker offenbart - umrahmt von einem Theatervorhang in pathetischem Schwarz und operettenhaftem Rot - seine Obsession des Würste- und Schinken-Essens. Joachim Jung stellte 95 Briefzitate zusammen, in denen Nietzsche seine Wurstwünsche zu Papier gebracht hat. Nietzsche war stets darum besorgt, daß die Kette der Würste und Schinken, mit denen ihn die Mutter auf dem Postweg versorgte, nicht abriß. Mit großer Akribie und Detailfreude hat er dies zu Papier gebracht. Vom einfachen Ruf nach einer neuen Wurst bis zur minutiösen Beschreibung ihrer Bekömmlichkeit und der Nummerierung unterschiedlicher Wurstsorten, bekommt der Betrachter Einblicke in die "Verdauungsphilosophie". Die parodistischen Wurstbilder, welche die Textinszenierung begleiten, veranschaulichen in drei kleinen, phantastischen und grotesken Szenerien den ausgeprägten „Willen zur Wurst". Diese provokant übersteigerte Bildlichkeit ist durchaus in Nietzsches Sinne und entspricht dessen Sparchgebrauch selbst:

 

„Die ernsthafteste Parodie, die ich je hörte, ist diese: im Anfang war der Unsinn, und der Unsinn war bei Gott! Und Gott (göttlich) war der Unsinn." F.N.

 

Guten Appetit!